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Unter uns!

In Deutschland leben geschätzt etwa 420 000 Menschen mit geistiger Behinderung. Aber wo halten sie sich den ganzen Tag über auf?

Für etwa 390 dieser Menschen ist die Antwort ziemlich schnell gegeben. Sie befinden sich werktags, wie viele andere berufstätige Menschen auch, auf der Arbeit. Für sie sind das die Lahnwerkstätten Marburg.

Bei dem Wort Behindertenwerkstätten denkt ein großer Teil der Bevölkerung an Institutionen in denen geistig behinderte Menschen mit Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen wie Besen oder Kugelschreiber zusammenstecken beschäftigt werden. Wir alle haben irgendwann einmal dieses Trugbild vor Augen. Denn man traut den Behinderten tatsächlich nicht wirklich sehr viel mehr zu. Das liegt nicht einmal an böswilligem Denken sondern vielmehr an mangelnden Erfahrungswerten mit geistig behinderten Menschen.

Das sie jedoch zu so viel mehr fähig sind und dies auch in ihren Berufen täglich beweisen, zeigt das riesige Dienstleistungs- und Warenangebot der Lahnwerkstätten.

Es ist schon ziemlich beindruckend, mit wie viel Engagement und Konzentration dort gearbeitet wird. In der Schreinerei laufen Sägen, Schleifen und anderes Gerät für die Holzverarbeitung. Die Arbeiten laufen Hand in Hand. Die Arbeiter tragen Gehörschutz und Handschuhe und man glaubt nicht, dass hier behinderte Menschen hoch qualitative Gartenmöbel, Zäune, Stühle, Bänke, Futtersilos für Vögel oder weihnachtliche Kerzenständer in Sternenform herstellen. Überall fallen Späne, sieht man konzentrierte Menschen ihrer Tätigkeit nachgehen.

Doch dies ist nur ein Bereich. Die betriebliche Näherei ist neben der Herstellung der Sitzauflagen für die Gartenmöbel auch für Ausbesserungsarbeiten an Kleidungsstücken zuständig, je nach Auftrag. “Unsere Kunden sind nicht nur lokale Unternehmen sondern auch Privatpersonen”, so Martin Kretschmer, Einrichtungsleitung Pädagogik.

Unter uns!

Auf dem Weg zur Wäscherei ertönt das Pausensignal. Es ist Frühstückszeit. Die Mitarbeiter nehmen ihre Taschen und begeben sich in das betriebseigene Bistro “PausenZeit” oder andere Treffpunkte um sich mit Kollegen anderer Abteilungen auszutauschen.

Das Bistro gibt es nun seit Herbst 2012 und wird von den anliegenden Firmen sehr gerne für die Mittagspause genutzt. Inklusionsdebatte mal anders. “Wenn unsere Mitarbeiter nicht in andere Betriebe können, holen wir sie einfach zu uns “, scherzt Martin Kretschmer auf dem Weg zum Letter-Shop.

Dort werden Mailings für Kunden durchgeführt. Die Mitarbeiter sorgen dafür, dass die Briefe fachgerecht eingetütet, adressiert und frankiert werden. Überall sieht man emsiges Treiben, hört man Menschen lachen oder sich etwas erzählen. Es ist alles so normal.

Und doch ist etwas hier anders. Man kann durch keine Abteilung gehen ohne freundlich begrüßt und angelächelt zu werden. Ob man möchte oder nicht, man wird in Gespräche verwickelt. Es ist lebhaft und nicht so anonym wie an manchen uns bekannten Arbeitsplätzen. Hier wird das miteinander gelebt.

Man fühlt sich willkommen.